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Der Nerfling

 

Dieser Weißfisch führt viele Namen: Aland, Orfe, in OÖ auch Seider genannt, im östlichen NÖ Gangl oder Gängling. Das wäre ein äußerst wohlschmeckender Fisch, noch vor wenigen Jahrzehnten fand er sich in den Gemeinden entlang der Donau regelmäßig auf dem Mittagstisch. In Fischamend wurde er sogar in den Gasthäusern angeboten. Heutzutage ist er leider weitgehend unbekannt.

Früher wurde dieser Fisch bis zu 70 cm lang und über 5 kg schwer, nach Steinbach sogar noch größer. Wo er heute noch vorkommt, gelten Exemplare mit 50cm Länge und 1,5 kg Gewicht bereits als kapital. Sein Lebensraum ist im Fließwasser die Barbenregion und der Übergang zur Brachsenregion. Daher war der Nerfling in der Donau und im Unterlauf unserer Flüsse zu Hause. Heute sind seine Refugien die letzten beiden naturnahen Donaustrecken Wachau und Nationalpark Donauauen mit den Flüssen Schwechat und Fischa. Die March sagt ihm infolge der trägen Strömung und anderer Parameter nicht sonderlich zu, dort ist er am ehesten im Stempfenbach zu finden. Im künstlich angelegten Marchfeldkanal hingegen hat er sich etabliert. 

Das natürliche Verbreitungsgebiet reicht nach Westen bis Belgien und Nordostfrankreich. In England und Wales kam der Fisch angeblich ursprünglich nicht vor und wäre dort künstlich verbreitet worden. Eine Ausbreitung über Rhein und Themse wäre aber denkbar gewesen. Nach Süden reicht die Verbreitung nicht über das Einzugsgebiet der Donau hinaus. Im Norden erreicht das Ausbreitungsgebiet gerade noch Südnorwegen, dann reicht es von Schweden ostwärts bis weit nach Sibirien, dort bis in das Stromgebiet der Lena. Vom Amur bis zum Hoangho kommt eine nahe verwandte asiatische Art vor, wie bei vielen unserer europäischen Fischarten.     

Die Literatur spricht von Laichzeit Mai und Juni oder von April bis Juni. In der Fischa, einem Fluß mit annähernd konstanter Temperatur infolge vieler Grundwasserquellen, kann die Laichzeit abhängig von der Witterung bereits mit Ende März beginnen, detto in der Schwechat. Wie läuft die Laichzeit ab? Immer wieder kommen neue Partien zum Ablaichen, die Eiablage zieht sich bis Ende Mai, u.U. Anfang Juni hin. Die Fische wandern in kiesige Strecken, Laichgrund kann aber anders als bei Nasen und Barben auch aus Wasserpflanzen und Kies bestehen. Rogner haben je nach Größe 40.000 bis 120.000 Eier. Die 1,5mm großen gelblichen Eier kleben am Schotter und dem flutenden Hahnenfuß, Brütlinge verkriechen sich nach dem Schlupf zwischen den Schottersteinen. 3 bis 4 Wochen nach der Eiablage schwimmen die Brütlinge in finstrer Nacht stromab und suchen warme Buchten als Kinderstube. Im Spätherbst ziehen bereits große Schwärme von Jungfischen im Seichten umher. Männchen werden mit 3 – 4 Jahren laichreif, Weibchen 1 Jahr später.    

Nerflinge schließen sich das ganze Jahr über zu kleinen Schwärmen zusammen, meistens annähernd die selbe Altersgruppe. Ihr Nahrungsspektrum umfasst Kleintiere des Bodens, Plankton und in der warmen Jahreszeit auch Oberflächennahrung, besonders schätzten sie früher schwärmende Mai- und Junikäfer. Geht im Herbst das Nahrungsangebot zurück, machen sie auch Jagd auf kleine Fische. Wasserpflanzen fressen sie nur in kleinem Maße. Dementsprechend vielfältig waren auch die Angelmethoden. Grund- und Schwimmerangel mit Made, Wurm, Köcherfliegenlarve, Schnecke, Egel, Teig oder Kukuruz (ein Kuriosum: auf Engerlinge bissen nur Aiteln), Treibangel mit Schwimmköder als da sind die bereits erwähnten Käfer, Heuhüpfer und Brot oder aber auch die Spinnangel und der Streamer. Ich kann mich noch gut erinnern, wie vor 40 Jahren alte Fischer den Kopf geschüttelt haben, wenn ich dem Gängling mit dem Mepps nachstellte. Später wurde das dann in meiner Heimat eine anerkannte Technik. An dieser Stelle möchte ich noch festhalten: schon vor Jahrzehnten, als noch Massenfänge von Nerflingen möglich waren, hatten wir in Fischamend ein Limit von max. 5 Fischen pro Tag eingeführt, um die Bestände zu schonen. 

 

Wodurch ist dieser früher so zahlreiche Fisch verschwunden?

 

Begonnen hat das bereits im 19. Jahrhundert. Wasserverschmutzung und Gewässerverbauung leiteten den Rückgang der Fischbestände ein. Der Wellenschlag der gleichzeitig beginnenden Dampf- und später Motorschifffahrt schädigte die Jungfischbestände in den Buchten der Schotterinseln des Stromes. Ende des 19., Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die ersten Dämme und Wehre für Wasserkraftwerke errichtet. Der Tieflandfluß Leitha wäre das typische Nerflinggewässer par excellence. Aber durch die vielen Wehranlagen ist dieser Fisch dort schon lange vollständig ausgestorben.

Anfang des 20. Jahrhunderts führte man Markierungen an Tausenden von Fischen durch. Überrascht musste die Wissenschaft zur Kenntnis nehmen, dass alle Fische wandern. Laichwanderungen, Rückwanderungen nach der Laichzeit, Zug zu anderen Fressgründen, Wanderungen der Jungfische, Zug in die Winterlager sowie Rückzug vor Hochwassern. 

Nerflinge führen aber nicht nur diese Wanderungen durch, sondern aus bis heute unbekannten Gründen ziehen sie manchmal Hunderte Kilometer weit. Das erklärt ein Phänomen, das mir schon mein Großvater erzählt hatte. Zu manchen Jahren gab es Massenfänge in Österreich, dafür waren dann die Fänge in Ungarn dürftig. Konnten sich aber die Nachbarn in Ungarn über eine fette Nerflingsbeute freuen, dann gab es bei uns wenig Ausfang. Durch die Donaukraftwerke wurden die Wanderungen der Nerflinge nachhaltig unterbunden. Seit dem DoKW Gabcikovo können aus der unteren Donau überhaupt keine Fische mehr zu uns aufsteigen.

 In der kalten Jahreszeit stellen sich die Nerflingsschwärme im sogenannten Winterlager ein. Das sind die Mündungen von Altarmen sowie die strömungsberuhigten Mündungen der vier verbliebenen Flüsse in unseren letzten naturnahen Donaugebieten. Seit nun dort Jahr für Jahr die Kormoranschwärme auf die überwinternden Nerflinge einfallen, brechen die Bestände vollständig zusammen. Um diese und andere gefährdete Fischarten vor dem Aussterben zu bewahren, wird man auch am Donaustrom Vertreibungsmaßnahmen des Fischfressers Kormoran beschließen müssen. 

 

Helmut Belanyecz  

 Foto: ÖFG