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Der Lachs oder Salm

 

Ein Rheinsalm schwamm den Rhein bis in die Schweiz hinein,
und sprang den Oberlauf von Fall zu Fall hinauf.
Er war schon weißgottwo, doch eines Tages – oh! –
Da kam er an ein Wehr, das maß zwölf Fuß und mehr!
Zehn Fuß – die sprang er gut! Doch hier zerbrach sein Mut.
Drei Wochen stand der Salm am Fuß der Wasseralm.
Und kehrte schließlich stumm nach Deutsch- und Holland um.

Christian Morgenstern im Jahr 1910

 

 

Der Lachs, Salm oder Atlantische Lachs war in früheren Zeiten ein so häufiger Fisch, dass sich die Dienstboten in Deutschland angeblich beschwert hatten, weil sie so oft Lachs als Speise vorgesetzt erhielten. In Österreich ist er nie vorgekommen, der Rheinfall bei Schaffhausen gilt als natürliche Grenze, und im Donaugebiet ist er nicht heimisch. Im Schwarzen Meer gibt es dafür eine lachsähnliche, bis zu 15 kg schwere Meerforelle, aber dieser Fisch wandert zum Laichen nicht bis zu uns herauf. Die Bäche im nordwestlichen Waldviertel (von Weitra bis Litschau) entwässern zwar zur Elbe, und die war und ist auch jetzt wieder ein Lachsfluß, aber es ist nichts überliefert, dass Lachse jemals bis zu uns gekommen wären. Aale wurden dort aber früher gefangen, theoretisch war der Aufstieg also schon möglich. Durch die vielen unüberwindbaren Staustufen ist derzeit ein Aufstieg bis ins Waldviertel leider undenkbar. Trotzdem möchte ich diesmal über den Lachs berichten. Ende der 40er-, Anfang der 50er-Jahre schien der Lachs in der Kärntner Fischereiordnung mit Maß und Schonzeit auf. Das hat meine Fantasie in der Kindheit stark beflügelt. Die Lösung des Mysteriums ist aber einfach: in Kärnten war unter anderem der pazifische Coholachs ausgesetzt worden und hatte kleine Bestände gebildet. Bei dieser Gelegenheit will ich noch erwähnen: im 19.Jahrhundert war in der Donau auch der atlantische Lachs eingesetzt worden, hat aber dort nie Fuß gefasst.  

 Obwohl es über den Lachs sehr viel Literatur gibt, will ich ihn doch ein wenig beschreiben:

Er wird der König der Fische genannt. Im Meer ist er silberfarbig mit schwarzen Punkten, aber mit dem Nahen der Laichzeit erstrahlen vor allem die Männchen in goldenen, roten und moosgrünen Farbtönen, der Unterkiefer bildet sich zum berühmten Laichhaken aus. Der Lachs wurde zumindest früher über 1,50m lang. Er lebt im nördlichen Atlantik, von der Ostküste Nordamerikas über Grönland, Island bis zu der europäischen Küste. Markierungen haben gezeigt, dass Lachse nicht nur in Küstennähe leben, sondern auch den Atlantik überqueren. In Europa kommt er von Nordportugal bis zur Barentsee vor, natürlich auch in der Ostsee. Er steigt die Flüsse hinauf und laicht in der Forellenregion ab, nach dem Laichen wandern die erschöpften Lachse als sogenannte ‚Kelts’ ins Meer zurück, viele sterben, nur wenige Prozente laichen ein zweites Mal. Nur mehr ein Promillesatz kommt ein drittes Mal zum Laichen. Die Junglachse („Parrs“) sehen fast wie kleine Bachforellen aus (haben aber kein Rot in der Fettflosse), bleiben in Mitteleuropa 2 Jahre in den Bächen (im kalten Skandinavien länger) und wandern als silberfärbige ‚Smolts’ mit einer Größe von zirka 15cm zum Meer ab. Die Fische bleiben nun unterschiedlich lange im Meer, je länger sie bleiben, umso größer werden sie. Interessant ist vielleicht, dass Lachse keineswegs kälteliebend sind, wie man immer annimmt. Junglachse verkriechen sich in strengen Wintern in den Zwischenräumen des Gerölls im Bachbett und verfallen dort in eine Winterstarre, im Sommer halten sie sich im auf bis zu 27 Grad aufgeheizten Wasser der Seichtzonen auf. Der produktivste Lachsfluss war früher der Rhein mit Fängen von bis zu 250.000 Stück pro Jahr. Das Durchschnittsgewicht der Fische lag bei 9 kg, der Kapitalste wog 45 kg! Aber auch die Elbe war ähnlich produktiv. Irrtümlich glauben wir heute, dass die nordischen Flüsse die besten seien, nur weil dort noch Lachse vorkommen.

 In den meisten europäischen Flüssen war dieser Fisch durch Wasserverschmutzung, Staumauern, Uferverbauungen und Abtrennen der Zubringer verschwunden. Vor einigen Jahren wurde eine internationale Aktion ins Leben gerufen, deren Ziel die Wiederansiedelung des europäischen Lachses ist. Das zieht sich von der Loire in Frankreich bis zu den Flüssen ins baltische Meer. Ich möchte hier das Rheinlachsprogramm und das Elblachsprogramm besonders erwähnen. Durch Schutzprogramme in Irland, Schottland und Skandinavien haben wir sehr viel über den Lachs dazugelernt. Für einen Neubesatz muß man als Besatzmaterial möglichst viele unterschiedliche, aber geographisch nahestehende Stämme heranziehen.

 Aus dem Laich werden in der Natur nur 1 bis 2% Smolts. Daher werden bis auf weiteres zusätzlich zum natürlichen Laichen Junglachse aus den Zuchtanstalten besetzt. Aber der Großteil der seewärts wandernden Smolts wird von Kormoranen gefressen. Peter Mantle, ein bekannter irischer Lachsfachmann, befürchtet, dass die Fischzuchten nicht produktiv genug sein könnten, die Schäden durch Kormorane an den Smolts zu neutralisieren. Im Meer wachsen die Lachse dann unglaublich schnell, aber nur wenige überleben bis zum Laich- aufstieg. Sowohl die Berufsfischerei als auch sämtliche Räuber des Meeres stellen dem Lachs nach: alle großen Raubfische einschließlich der Haie, Delfine, Seehunde und auch die großen Zahnwale. Besonders in den Flussmündungen lauern die Seehunde dann auf die zurückkehrenden Lachse. Das ist so krass, daß z.B. in Schottland die wenigen verbliebenen aufsteigenden Lachse von Aufsichtsbeamten mit Booten in die Flüsse eskortiert werden müssen wie ein Geleitzug von Zerstörern. In den Flüssen schafft es nur wieder ein kleiner Teil, durch die Schleusen und die oft schlecht funktionierenden Fischaufstiege bis ins Quellgebiet vorzudringen. So ist es leider kein Wunder, dass im Rhein bei einem bisherigen Besatz von rund 10 Millionen Junglachsen bis dato nur knapp dreihundert Fische (allerdings Lachse mit bis zu 1 m Länge) zum Laichen zurückgekommen sind. In der Elbe ist das Verhältnis eine Spur besser. Wenn man die Kosten inklusive der neuangelegten Fischaufstiege umlegt, hat jeder einzelne Laichfisch über 150.000,- Mark gekostet, das ist ein Wert von über 1 Million Schilling pro Lachs. Aber die Fischer der jeweiligen Staaten betreiben dieses Projekt mit unglaublichem Idealismus unter großen finanziellen Opfern grenzüberschreitend weiter. Es ist noch unendlich viel zu machen. Die Fischauf- und -abstiege müssen an den restlichen Wehren wesentlich verbessert werden, alle Flüsse und Bäche müssen frei passierbar sein, die Uferstruktur muß rückgebaut werden usw. Eine wahre Sisyphusarbeit, aber die Fischer lassen sich nicht entmutigen.

 Seltsam erscheint, dass jetzt, wo sich bei diesem Programm endlich der ersehnte Silberstreif am Horizont abzeichnet, einige Gruppen (ich will sie nicht näher bezeichnen) aktiv werden wollen und in den Flüssen absoluten Schutz für den Lachs fordern. Kein Angler käme auf die absurde Idee, in diesem Stadium des Aufbaues einen Lachs zu entnehmen. Aber unter- schwellig soll schon wieder der Angelfischer als Bedrohung hingestellt werden. Wenn diese „Gruppen“ etwas Sinnvolles für den Lachs tun wollen,  dann sollten sie als Allererstes für die Reduzierung der Kormoranschwärme eintreten. Als Zweites könnten sie dann in der EU Beschränkungen für die Berufsfischerei erwirken. Das wären verdienstvolle Tätigkeiten.          

Helmut Belanyecz