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Frauennerfling

 

Diesen seltenen Fisch nennt man auch Donaunerfling. In jenen Gebieten am Strom, wo der eigentliche Nerfling mundartlich Seider oder Gängling heißt, sagt man zur allgemeinen Verwirrung zum Frauennerfling umgangssprachlich ebenfalls Nerfling. Das führte vor Jahrzehnten bei manchen Petrijüngern zu der Fehlinterpretation, dass der „Gängling“ z.B. keine Schonzeit hätte, weil in der „amtlichen blauen Karte“ nur der Nerfling angeführt war.

Aber nicht nur der Name ist ähnlich, auch vom Aussehen her könnten diese Fische u.U. verwechselt werden. Wie der Nerfling ist auch der Frauennerfling ein hochrückiger, seitlich abgeflachter Fisch. Diese Form wirkt für strömungsliebende Fische eher ungewöhnlich. Die Literatur beschreibt den Frauennerfling als sehr schön mit rot getönter Bauch-, After- und Schwanzflosse sowie mit blauem oder grünem Metallglanz auf den Schuppen – das wären natürlich nur „matte“ Unterscheidungsmerkmale. Aber so liest man es überall. Das wichtigste äußere Unterscheidungsmerkmal ist daher:

der Nerfling (Leuciscus idus) hat kleine Schuppen, 55 bis 60 entlang der Seitenlinie,

der Frauennerfling (Rutilus pigus virgo) hat 44 bis 48 Seitenlinienschuppen, also so große Schuppen wie ein Aitel.

Die Literatur sagt, dass die Stammform unseres Frauennerflings in den Flüssen der Poebene lebt und Pigo heißt. Tatsächlich lebt er aber in den italienischen und schweizer Seen dieses Einzugsgebietes. Dort wird er kaum schwerer als 25 dag, während unser Frauennerfling 45 und im Extremfall sogar 50cm erreicht. Mit 45cm wiegt er rund 1kg und ist 8 oder 9 Jahre alt.

Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Wirbellosen des Grundes. In der roten Liste werden diese Fische als extrem gefährdet ausgewiesen. Die Laichzeit findet April und Mai in stärkerer Strömung statt, die Fische wandern dazu üblicherweise einige Kilometer, meistens stromauf. Den Milchnern wächst ein spitzer Laichausschlag (wie beim Perlfisch!), die Rogner haben 40 – 60.000 Eier, die an Steinen, Wurzeln, Totholz und u.U. auch Wasserpflanzen kleben bleiben. Über das Schlupf- und Brütlingsstadium ist leider nichts bekannt. Aber die Jungfische lassen sich weit verdriften, darauf werde ich beim Marchfeldkanal noch zurückkommen. Die Donaunerflinge halten sich permanent in stärkerer Strömung auf, in der Donau bleiben sie daher im tieferen Wasser. Nur im Winter suchen sie wie die meisten Fische strömungsberuhigte Buchten auf. Dort werden sie seit einigen Jahren von Kormoranen bedroht. Das ist bei dieser seltenen Fischart ganz besonders gefährlich.

Früher kam dieser Fisch außer in der Donau auch im Unterlauf der einmündenden Flüsse vor. In unseren Flüssen konnte er leider nur mehr in der Leitha, der Laßnitz, der Lavant und der Sulm registriert werden, sowie im neu geschaffenen Marchfeldkanal.

Die Situation an der durch etliche Wehre seit Jahrhunderten zerstückelten Leitha ist besonders interessant. Während der auf doch weitere Wanderungen angewiesene Nerfling dort leider schon lange keine Lebensgrundlage mehr findet, gibt es an manchen Strecken der Leitha erfreulicherweise immer noch Frauennerflinge. Diese Fische führen bloß kleinräumige Wanderungen über nur wenige Kilometer durch. In dem erst seit 12 Jahren bestehenden Marchfeldkanal (MFK) hat sich inzwischen ein starker Frauennerflingsbestand gebildet. Zum Vergleich: die Gesamtfischbiomasse betrug dort im Jahr 2002 325kg/ha. An erster Stelle stehen die Barben mit 140kg/ha, aber die Frauennerflinge kommen bereits an vierter Stelle mit 23kg/ha. Das ist ein um ein Vielfaches höherer Prozentsatz als in der Donau, aus der diese Fische zugewandert sind.

Die Untersuchungen der Uni für Boku haben uns viel neues Wissen beschafft. Bernhard Stadlbauer beschreibt in seiner Diplomarbeit die telemetrischen Untersuchungen an den Frauennerflingen des MFK. Das heißt, die Fische erhielten kleine Sender, und damit konnte man die Wanderungen monatelang fast auf den Meter genau verfolgen. Die Fische machten selbstverständlich Laichwanderungen, führten aber auch andere Züge durch sowie manche Individuen auch Tages- und Nachtwanderungen. Einige kehrten sogar immer wieder zum annähernd gleichen Punkt zurück. Bis in den Winter hinein hielten sie sich immer in der starken Strömung auf, erst im Februar zogen sie sich in strömungsberuhigte Buchten zurück. Eine ganz wichtige Erkenntnis dabei ist, dass sie pärchenweise oder in kleinen Gruppen zogen, und dass sie bei diesem Langzeitversuch ein Gebiet von <8km Länge nicht verließen. In dieser Strecke hatten die Milchner im Frühjahr die weitesten Züge gemacht. Das hängt sicherlich mit der Laichzeit zusammen. Die Rogner waren erst nach der Laichzeit „verkabelt“ worden. Unabhängig von der Laichzeit machten dann die Weibchen im Sommer und Herbst die weitesten Wanderungen.

Die Jungfische haben eine hohe Verdriftungsrate. Selbst im Winter driften noch große Mengen Jungfische des Frauennerflings den MFK stromab als Besatz in die Donau. Der künstliche Wasserlauf hat somit eine ganz besondere Bedeutung für diese hoch gefährdete Fischart erlangt. Der Umstand, dass eingestaute Bereiche im Marchfeldkanal von den besenderten Fischen völlig gemieden wurden, zeigt auch, dass Frauennerflinge die Strömung brauchen - durch die Errichtung der Kraftwerkskette an der österreichischen Donau und den damit einhergehenden Verlust der freien Fließstrecken ist geeigneter Lebensraum für den Frauennerfling in der Donau eigentlich nur mehr in den letzten verbliebenen Fließstrecken östlich von Wien bzw. in der Wachau vorhanden.

Selbst auf die Gefahr hin, dass ich meine Leser langsam langweile, muss ich wiederholen: Die jeden Winter an unserer Donau einfallenden Kormoranschwärme müssen reduziert werden, sonst werden etliche Fischarten des Stromes unwiderruflich verschwinden.

 

Helmut Belanyecz