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Der Aal

 

Der Aal - oder präzise der europäische Flussaal (Anguilla anguilla) - gab seit dem Altertum Rätsel auf, da niemand laichreife Fische gefunden hatte. Man stellte bestenfalls fest, dass diese Fische das Aussehen veränderten. Während des Süßwasserlebens waren sie grünlich bis grauschwarz, doch immer in matten Farben, und sie fühlten sich weich und „schlitzig“ an. Aber dann wurde ihre Oberseite glänzend schwarz, die Unterseite strahlte silbrig weiß, der Körper wurde hart und fest, selbst die Augen wurden größer. Und so zogen sie die Flüsse stromab. Sie kamen jedoch nie zurück. Aber selbst das wurde nicht immer richtig erkannt. Über die Zeiten wurde der europäische Aal in über 20 Arten unterteilt, selbst heute glauben manche noch, dass Spitzkopf- und Breitkopfaal oder Grün- und Blankaal verschiedene Arten wären. Dafür konnte man im Frühjahr Schwärme glasheller streichholzstarker Aale die Flüsse hinaufziehen sehen.

 

Das Rätsel

Ende des 19. Jahrhunderts war im Mittelmeer eine unbekannte kleine Fischart gefunden worden und erhielt den wissenschaftlichen Namen Leptocephalus brevirostris. Diese Fischchen waren annähernd farblos und relativ hochrückig, hatten einen abgesetzten kleinen Kopf und, was die Forscher sehr erstaunte, sie wiesen keine Geschlechtsmerkmale auf. Also hielten die Forscher sie im Aquarium, um sie zu beobachten. Nach geraumer Zeit begannen sich diese kleinen Fische zu verändern, sie wurden immer schlanker, um schlussendlich zu den damals bereits bekannten Glasaalen zu werden. Das war eine riesige Sensation. Die Larven des Aals waren gefunden worden, sie erhielten wegen ihres Aussehens den Namen Weidenblattlarven. Da man sie im Mittelmeer gefunden hatte, nahm man auch an, dass die Aale im Mittelmeer ablaichen.

 

Die Lösung

Der Däne Johannes Schmidt löste dann das Geheimnis der Aale. Aber keineswegs etwa zufällig. Er betrieb jahrzehntelange Forschungen, er kreuzte mit dem Dampfer Thor über die Meere, immer mit dem Schleppnetz auf der Suche nach Weidenblattlarven. Das war nicht einfach, denn diese Larven bewegen sich in mehreren Hundert Metern Tiefe. Die kleinsten und damit jüngsten verfolgte er immer weiter zurück, bis er er schließlich die Laichgründe in der Sargassosee – südlich der Bermudas, nördlich der Antillen, entdeckte. Seitdem ist noch sehr vieles weiter erforscht worden.

Die Weidenblattlarven erreichen die Küsten Afrikas und Europas nach 2,5 bis 3 Jahren. Am Kontinentalschelf wandeln sie sich zu Glasaalen um. Wie in Urzeiten ziehen sie die Ströme hinauf und verteilen sich über die Gewässer, vom Brackwasserbereich bis in die Forellenregion. Nur mit dem großen Unterschied, in den Vorzeiten waren solche Glasaalzüge förmlich endlos, auf jeden Fall viele Kilometer lang. Auf ihrem Weg stromauf überwinden sie sogar Wasserfälle. Die heutigen Staumauern stellen eine unüberwindliche Barriere dar. Daher wurden in Deutschland seit langer Zeit Glasaale gefangen und oberhalb der Wehre eingesetzt. An der ältesten deutschen Aalfangstation in Herbrum an der Ems wurden früher tonnenweise Glasaale gefangen. Heuer konnten nur mehr 1 ½ kg erbeutet werden!

 

Die Gefahr

Auch in Frankreich und Spanien hat man Glasaale gefangen. Aber dort wurden sie zu Pasteten und ähnlichen Spezialitäten verarbeitet, in reichen Glasaaljahren wurden sie sogar tonnenweise als Viehfutter verwendet. Jutta Jarl vom WWF dokumentierte im Internet, dass innerhalb von 20 Jahren in 19 europäischen Flüssen die Glasaalzüge um 95 bis 99% zurückgegangen sind. Die Artenschutzkommission CITES stellt den Aal als extrem bedroht dar. Und trotzdem forderten Frankreich und Spanien ihr „traditionelles Recht“, dass sie zumindest 65% der wenigen Glasaale weiterhin fangen und verarbeiten dürfen. Die CITES stimmte dem mit der Auflage zu, dass dieses Kontingent bis zum Jahr 2013 auf 35% reduziert werden müsse. Unter diesen Bedingungen könnte es im Jahr 2013 keine Aale mehr geben! Die EAA erzwang unter der Federführung des Deutschen Dachverbandes VDSF und der Niederländer bei der EU weitreichende Schutzmaßnahmen für den Aal. Nun sieht die Sache anders aus, nun gibt es eine faire Chance diese Fischart zu retten. Denn trotz vieler Versuche gelingt keine künstliche Aufzucht von Aalen. Wir sind auf den natürlichen Nachwuchs angewiesen.

 

Biologie

Wie sieht nun die biologische Entwicklung weiter aus? Die Glasaale wandern wie gesagt in alle Gewässerteile des Flusses, genauso auch in Seen und sogar Teiche. Dort verbleiben sie einige Jahre, Weibchen länger als Männchen, und mästen sich zu sogenannten Gelbaalen heran. Sie fressen nur tierische Nahrung, von Insektenlarven und Tubifex bis zu Fischen, Fröschen und Krebsen. Über 80cm und über 1kg gelten Aale als kapital, obwohl Exemplare bis zu 1,5m Länge und bis zu 6kg Gewicht verbürgt sind.

Aale halten sich am Grund auf und sind nachtaktiv. Trotzdem jagen sie fallweise auch Fische am hellen Tag bis unter der Oberfläche. Sie wurden sogar beobachtet, als sie treibende Eintagsfliegen vom Wasserspiegel nahmen. Die Ruheperiode verbringen sie am Grund im Schlamm, wobei nur der Kopf herausschaut. Im Winter stellen sie die Nahrungsaufnahme fast vollständig ein und verbringen an tiefen Stellen des Gewässers eine Art Winterruhe. Aale sind als extrem zählebig bekannt. Bei Sauerstoffmangel im Wasser gehen sie aber genauso wie andere Fische zugrunde. Anders außerhalb des Wassers. Solange ihre Haut feucht ist, halten Aale das stundenlang aus. Denn außer den Kiemen haben sie auch eine ausgeprägte Hautatmung. Und zusätzlich wirkt der ausdehnbare Schwimmblasengang wie eine primitive Wirbeltierlunge. Alle kennen die Geschichten, dass Aale viele Kilometer von jedem Wasserlauf entfernt gefunden wurden. Die Legende sagt, sie wollten in den Erbsenfeldern fressen. Die Realität sieht so aus: Als der Wandertrieb einsetzte, war ihr Gewässer gerade vom Fluss abgeschnitten. In der Nacht schlängelten sich die Aale über einen feuchten Graben davon. Führte der aber nicht zum Hauptfluss, sondern in die Gegenrichtung, dann fanden sich die Aale bei Sonnenaufgang irgendwo weit weg vom Wasser.

 

Stromab führt der Weg der Blankaale heute durch die Turbinen. Nur ganz wenige erreichen die Mündung ins Meer. Diese Wenigen werden sowohl vom Kormoran als auch von der Berufsfischerei verfolgt. Nur mehr ein ganz kleiner Teil kann sich auf den Tausende Kilometer langen Weg in die Sargassosee machen. Und da droht ein weiteres Hemmnis. Für Aalmastanstalten wurden auch japanische Aale geholt und in Teichen aufgezogen. So kam ein asiatischer Parasit zu uns, der Schwimmblasenwurm. Die Aale leiden sehr darunter, vor allem das Wachstum. Aber durch die Lebensweise am Grund ist das im Süßwasser noch nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Anders in der See. Die Aale wollen in einigen Hundert Metern Tiefe wandern, vielleicht noch tiefer. Das Meer ist dort aber etwa 5 km tief. Mit defekter Schwimmblase können sie sich nicht halten und versinken in die Tiefsee.

All das und noch vieles mehr spielt zusammen, dass unsere Aale immer weniger werden. Daher war es höchste Zeit, dass die europäischen Freizeitfischer rigorose Schutzmaßnahmen für diese Art erzwungen haben. Übrigens habe ich bewusst von „unserem“ Aal geschrieben. Denn allen Behauptungen zum Trotz kam der Aal auch im Donaugebiet immer schon natürlicherweise vor. Der Ichthyologe Friedrich-Wilhelm Tesch hat das in jahrzehntelanger Forschungsarbeit aufgezeigt. Das ÖKF hatte bereits im Jahr 2005 im Buch „Aliens“ der Grünen Reihe des Umweltministeriums darauf hingewiesen.

Helmut Belanyecz